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Harburger Radsport Gemeinschaft v. 1951 e. V.

Rennberichte

Bis jetzt gibt es hier nur einen Rennfahrerrennbericht, aber in ferner Zukunft werden es sicher ein paar mehr sein. Zuschauerberichte findest Du bereits jetzt über die News-Seite.
 

Tour de Tunisie Cycliste International (UCI 2.5) vom 11. bis 20. Juni 2004

von Peter Lemke

Um uns an das Klima mit Temperaturen um 30 Grad zu gewöhnen, sind wir zwei Tage vorher angereist. Am Vorabend des Rennstarts wurden wir von einem völlig verrückten Busfahrer abgeholt, der uns von unserer Unterkunft in Jemmal ins Tourquartier bei Tunis gebracht hat. Die Entfernung von 200 km hätte wohl auch kein Michael Schumacher schneller zurücklegen können. Wir waren auf jeden Fall heilfroh, endlich ins Hotelbett fallen zu können.

Erst nach dem Frühstück konnten wir unsere Startnummern und den Materialwagen in Empfang nehmen und einen ersten Blick auf unsere Mitstreiter werfen. So standen wir mit den Nationalmannschaften aus Ägypten, Algerien, Lybien, Tunesien und Senegal sowie Microsoft (Südafrika), Marco Polo Cycling Club (Niederlande), VC Frankfurt, Pinelli Cinghiale (Italien) und Auvergne (Frankreich) am Start.

In aller Eile mussten wir uns präparieren, denn der neutrale Start war bereits für 8:45 Uhr angesetzt. Da unser Betreuer auf der Fahrt zum Start noch Wasservorräte einkaufen mußte, hat sich Olli 5 Minuten vor dem Start eine Flasche Wasser in einem Cafe gekauft, um seine Trinkflaschen zu füllen.

Ich nutzte die langsame Fahrt bis zum scharfen Start, um einen Senegalesen zu begrüßen. In der prallen Sonne leuchtete sein knalliges Trikot in rot, gelb und grün mit einem brüllendem Löwenkopf. Er sprach gutes Englisch und ich konnte mir Informationen über die genaue Streckenlänge verschaffen, da wir durch die späte Ankunft das Treffen der Teamleiter verpasst hatten.

Die 1. Etappe

führte uns von La Marsa nach Bizerte und es galt 110 km zu bewältigen. Das Rennen begann zunächst mit gut einer Stunde im 35er Tempo, wobei sich die Rennfahrer unterhielten und sich freundlich untereinander begrüßten, bevor das Gelände hügelig wurde und erste ernsthafte Attacken das Rennen eröffneten.

Am Ende wurde die Etappe im Spurt entschieden und mit Andre Schultze hat ein deutscher Fahrer vom VC Frankfurt (GS 3) gewonnen. Er durfte somit das Gelbe Trikot überstreifen.

Da wir eine Flachetappe erwartet hatten, die eigentlich schon ausgesprochen bergig ausfiel, war es ganz gut, daß wir das Tourbuch erst nach der Etappe erhalten haben.

Die 2. Etappe

wurde vom Staatspräsidenten Ben Ali und dem UCI Vorsitzenden Hein Verbrüggen gestartet. Die Etappe verlief durch die sehr schöne Landschaft des Nordens mit einer Kulisse hoher Berge. Die 140 km in hügeligem Terrain begannen zunächst wieder recht gemütlich. Bei jedem Hügel wurde das Tempo jedoch so hoch gezogen, daß die Fahrer am Ende des Feldes um den Anschluß kämpfen mußten. So fanden wir uns zwischendurch mit drei Mann in der zweiten Hälfte des Feldes wieder. Es brauchte eine ganze Stunde Verfolgungsarbeit, um den Zusammenschluß des Feldes zu schaffen. Vermutlich sind wir dabei in einer 10 km langem Straßenbaustelle, wo auf Schotter gefahren werden mußte, einfach waghalsiger unterwegs gewesen.

Den Etappensieg errang ein Südafrikaner, der auch das Gelbe übernahm.

Die 3. Etappe...

...war die erste gefürchtete Bergetappe über 125 km von Tabarka nach Le Kef. Kurz nach dem Start am Hafen begann ein 15 km langer Anstieg auf den Jebel Biri (1014 m), wenige Kilometer von der algerischen Grenze entfernt. Den Gipfel erreichten wir mit 10 weiteren Leidensgenossen, mit denen wir den vielen versprengten Gruppen hinterherjagten. Am abendlichen Buffet konnten wir endlich zu den Spitzenfahrern aufschließen.

Leider mußten wir einen Ausfall verzeichnen: der gesundheitlich angeschlagene Christoph Thieme wurde am zweiten Berg des Tages bei großer Hitze ein Opfer der enormen Anstrengungen und leistete einem Frankfurter im Besenwagen Gesellschaft.

In den von Touristen verschonten Ortschaften wurden wir Rennfahrer von der begeisterten Bevölkerung angefeuert und mit Wasserflaschen versorgt. Schulklassen ließen das Peloton durch einen Regen aus Blütenblättern fahren. Vor der Zielankunft mußte ein 3 km langer steiler Anstieg bewältigt werden. Hier konnte ich zweieinhalb Minuten Vorsprung auf Olli herausholen.

Am Schlußanstieg konnten drei Italiener ihre Übermacht zum Sieg nutzen und wurden mit dem Spitzenreitertrikot belohnt.

Am Abend wurde der gesamte Tourtross vom Gouverneur auf die Burg über der Stadt eingeladen. Leider hatte der Gastgeber nicht bedacht, daß drei Kellner nicht schnell genug laufen können, um 100 hungrige Mäuler zu stopfen - nach einiger Zeit leisteten einige Dutzend Radrenner Unterstützung und bedienten sich kurzerhand selbst.

Die 4. Etappe

begann mit dem morgendlichen Blick aus dem Fenster: es regnete in Strömen. Mit 185 km sollte heute die Königsetappe von Le Kef nach Kairuan stattfinden. Aufgrund der rutschigen Straßen entschied die Rennleitung, den scharfen Start ins Tal zu verlegen. Laut Streckenprofil erschien es, als sollte diese Etappe eigentlich nur bergab führen. Was für ein Irrtum! Nachdem die Fahrer in der ersten Rennstunde mit ihren durchdrehenden Hinterrädern zu kämpfen hatten, kamen nun die ersten Serpentinen. Es waren drei harzähnliche Anstiege zu bewältigen, an deren höchsten Punkten wir durch die tiefhängenden Regenwolken fuhren. Bis auf einen Fahrer gab heute die gesamte senegalesische Mannschaft auf. Die Temperaturen von 15-17 Grad zu Beginn der Etappe müssen wie ein Schock für die Schwarzafrikaner gewesen sein. Vor dem Start sagte mir einer der Fahrer, daß die Tiefsttemperaturen im Senegal bei 24 Grad liegen sollen! Er schützte sich mit einer Plasikfolie unter dem Helm vor dem Regen.

Heute siegte mit Patrick Köhler ein Frankfurter, der 180 km in einer Ausreißergruppe gefahren ist. Das Gelbe Trikot war nicht in Gefahr.

Die 5. Etappe

hatte die italienische Mannschaft voll im Griff. Sie fuhren den ganzen Tag an der Spitze des Feldes, so konnten wir bequem die 150 km lange Strecke von Kairouan nach Sfax im Windschatten mitrollen. Wir nutzten den Nachmittag, um die Medina zu erkunden.

Andre Schultze konnte seinen zweiten Etappensieg holen.

Die 6. Etappe

sollte ein Fiasko für unsere Equipe werden. 130 km Flachetappe von Sfax nach Monastir erschienen nicht mehr besonders beeindruckend. Die Anstrengungen der letzten Tage hatten aber doch schon ihre Spuren hinterlassen. Zudem plagte mich eine Erkältung. Außerdem verlief die Strecke heute immer nur stramm gegen den Wind. Nach 50 km wurde ich auf einer Windkante abgehängt. Nachdem ich beinahe wieder dran war, fiel ich gleich wieder ab. Nach 10 km konnte ich zu Olli aufschließen, den das gleiche Schicksal ereilte. Das bedeutete Paarzeitfahren bis ins Ziel. Wir haben sehr gelitten, denn zeitweilig kämpften wir mit 25 km/h gegen den heftigen Sturm an. Unterwegs holten wir einen jungen Lybier ein, den wir schon an den Vortagen oft in unserer Gruppe hatten. Er hatte einen Sturz gehabt. Fortan nahmen wir ihn in den Windschatten und zogen ihn mit. Der Ärmste war wohl wirklich der Pechvogel des Tages, denn 20 km vor dem Ziel verfing sich sein Schaltwerk in den Speichen. Das Hinterrad war hinüber und das Schaltwerk aus dem Ausfallende gebrochen. Wir warteten und zum Glück gab es im Besenwagen das Rennrad eines ausgestiegenen Algeriers. Bis zum Ziel konnten wir den Rückstand dank der Ünterstützung unserer Betreuer und der Offiziellen in Grenzen halten.

Vier Stunden im Gegenwind, das kam mir vor wie die längste Paßstraße der Welt, doch die Aussicht auf die zwei kurzen Folgeetappen ließen den Mut nicht ganz schwinden.

Ein Südafrikaner gewann den Spurt des Hauptfeldes, was mir reichlich egal war.

Die 7. Etappe

...hatte ich mir so schön als Ruhetag vorgenommen. Das Einzelzeitfahren über 20 km von Monastir nach Sousse wollte ich mit meinem Stiefel fahren. Es regnete wieder in Strömen und der Sturm war noch heftiger als am Vortag. Auf dem Weg zum Start haben wir uns auch noch verfahren, so konnte Olli gerade noch seine Regenjacke ausziehen und seinen Helm aufsetzen, bevor es los ging. Ich kämpfte mich durch und mußte alles geben, um am Ende Letzter mit einem 30er Schnitt zu werden, ohne daß ich locker gefahren bin! Damit hatte ich dreieinhalb Minuten auf Olli verloren und lag jetzt 60 Sekunden hinter ihm. Ein Trost für mich war, daß der Sieger auch nur einen 37er Schnitt gefahren ist, er durfte aber das Gelbe Trikot übernehmen. Damit hatte die südafrikanische Mikrosoft Mannschaft das Gelbe, Grüne und Weiße Trikot erobert.

Der Rest des Tages war zur Regeneration vorgesehen.

Die 8. Etappe

von Sousse bis Hammamet sollte eigentlich 90 km lang sein. Aufgrund des Straßenverkehrs wurde sie auf 70 km verkürzt, was uns sehr gelegen kam. Kurz vor Schluß befand ich mich in einer Gruppe, die dem hohen Tempo der Spitze nicht mehr folgen konnte. Da ich die UCI Punkte eh nicht mehr erringen konnte, habe ich mich inzwischen darauf verlegt, meinen Rückstand auf Olli wettzumachen. Im Glauben, mein Rückstand in der teaminternen Wertung würde noch größer, wurde ich 1000 Meter vor dem Ziel von Ollis Angriff überrascht! Ich konnte ihm kontern, was einigen anderen Fahrern noch einen Rückstand von 20 Sekunden eingebracht hat, sorry! Mit den neutralisierten Strecken und der Fahrt ins Hotel saßen wir heute trotzdem 130 km im Sattel.

Ein Italiener siegte mit einer Minute Vorsprung auf das Hauptfeld.

Die 9. Etappe

führte von Nabeul nach Kelibia um eine Halbinsel und war sehr wellig. Gleich nach dem Start setzte sich ein Franzose ab und fuhr einen Vorsprung von 5 Minuten heraus. Die Microsofts führten das Feld mit gleichmäßigem Tempo, so konnten wir uns zunächst gut verstecken. Zwei Stunden lang habe ich heute gar keinen Italiener gesehen. Doch als die Attacken losgingen setzten sie alles dran, um das Gelbe Trikot nocheinmal anzugreifen. In den Hügeln setzte sich eine 10 köpfige Spitzengruppe ab und wir erreichten das Ziel im Hauptfeld.

Ein italienischer Tagessieger und ein Franzose, der 25 Minuten verloren hat, runden das Tagesergebnis ab.

Die 10. Etappe

endete nach 110 km auf dem Boulevard in der Hauptstadt Tunis. Es wurde gleichmäßig gefahren und es gab keine Angriffe auf die Trikots mehr. Aus der hektischen Schlußphase, wo einige Fahrer wohl glaubten, die Etappe vom 40. Platz aus zu gewinnen, hielten wir uns gepflegt heraus, um unseren persönlichen Erfolg nicht zu gefährden.

Das Rennen ging nach 1170 km mit einem italienischem Etappensieger zu Ende. Microsoft behielt alle Trikots und Jeremy Martens holte den Toursieg. Oliver und ich waren glücklich und ebenfalls zufrieden, die Rundfahrt überstanden zu haben. Erstaunlich, daß wir nach diesen Strapazen lediglich eine Minute auseinander lagen. Im Gesamtklassement belegten wir die Plätze 48 und 49. In den 10 Tagen sind wir insgesamt über 1300 km gefahren.

Borhen als Dolmetscher, sein Onkel Ben und auch Christoph haben uns während der Tour großartig unterstützt und dazubeigetragen, daß wir durchgehalten haben.

Die geplante Berichterstattung von Unterwegs stellte sich als nicht so leicht durchführbar heraus. Wir hatten kein Laptop dabei und auch keinen Internetanschluß auf dem Hotelzimmer. Da wir uns auch um unsere Wäsche und Materialpflege selber kümmern mussten, waren wir viel zu kaputt, um ein Internetcafe zu suchen. So haben wir uns die Berichterstattung immer für den nächsten Tag vorgenommen und es fanden sich genügend Gründe es wieder nicht zu schaffen.

Vielen Dank für das Interesse

Peter


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